Während er wartete, strich sich Tony gedankenverloren über seine Narbe auf der Stirn, die wie ein krakeliges „Z“ aussah. Langsam spürte er Verärgerung in sich aufsteigen. Ärger den er sich selber zuzuschreiben hatte. Wie hatte er damals nur so naiv sein können. Wie kleine Amateure hatten sie sich damals verarschen lassen. Wäre er an jenem verhängnisvollen Abend gründlicher gewesen, hätte ihn das nicht fünf zermürbende Jahre gekostet. Doch wenn er jetzt Erfolg hatte, wären diese fünf Jahre nur noch ein lächerlich kleines Ärgernis, das sich in Kauf zu nehmen gelohnt hätte. Tonys Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, die entfernt an ein Lächeln erinnerte.
5 Jahre zuvor…
Roderick schaute auf die Uhr. Es war halb fünf. Draussen wurde es bereits dunkler. Genau das konnte er am wenigsten ausstehen an diesen vermaledeiten Wintermonaten. Ständig war die Nacht bereits hereingebrochen wenn er abends nach der Arbeit die Firma verliess. Doch jetzt musste er sich beeilen um im Zeitplan zu bleiben.
„Sam, ich mache heute etwas früher Feierabend. Ich habe noch eine heisse Verabredung auf dem Radar. Könntest du ausnahmsweise das Labor alleine dicht machen? Wäre das in Ordnung für dich?“
„Klar doch, ich könnte es mir nie verzeihen, wenn ich dem wahrscheinlich introvertiertesten Genie des Planeten, die vielleicht einzige Chance auf soziale, romantische Interaktion mit dem weiblichen Geschlecht rauben würde. Ich meine es wäre jammerschade, würde diese Genialität nicht weitervererbt werden.“, foppte ihn Samuel, der mit ihm zusammen im Labor der Forschungsabteilung arbeitete.
„Haha. Ein solcher Anflug genialen Humors ausgerechnet aus dem Munde des wahrscheinlich unbegabtesten Komikers, unter all den Genies dieses Planeten. Aber jetzt im Ernst, ich weiss deinen Einsatz zu schätzen Sam, Danke. Mach aber auch mal wieder pünktlich Schluss heute. Schliesslich wartet deine kleine Lady zu Hause auf dich.“
„Ich weiss, du hast ja recht. Werde mir Mühe geben, die Zeit nicht aus den Augen zu verlieren. Und Ricki, ich erwarte einen ausführlichen Bericht deines Experiments… äh Dates morgen auf meinem Schreibtisch.“
Er zwinkerte und wendete sich mit einer belustigten Mine wieder seinen Instrumenten zu.
Eine ausgesprochen sympathische Person, dieser Samuel. Schade eigentlich musste Roderick ihn jetzt so hintergehen. Aber er sah sich gezwungen sein heutiges Vorhaben in die Tat umzusetzen. Roderick verliess das Firmengebäude durch die Tiefgarage. Langsam kämpfte er sich durch den Abendverkehr. Samuel würde wie gewöhnlich seinen Arbeitsplatz frühestens um sieben verlassen. Darauf war Verlass. Und falls er seinen Rat, pünktlich Feierabend zu machen, tatsächlich befolgen würde, würde Roderick rechtzeitig von einem Firmenmitarbeiter gewarnt werden. Es bestand also kein Grund zur Hektik. Wieso nur musste sein Kollege, seine bahnbrechenden Forschungsergebnisse nur unter Verschluss halten? Würde er dies nicht tun so wäre Roderick jetzt nicht zu diesem Verrat an ihm gezwungen. Doch gab es jetzt keine zaudern mehr, seine Entscheidung war gefallen. Und diese Entscheidung würde ihm nicht nur unglaublichen Reichtum bescheren.
Als Roderick bei Samuels Haus eintraf, warteten etwas abseits wie vereinbart bereits zwei Mitarbeiter der Firma auf ihn. Es waren Angestellte des hauseigenen Security Service, doch er konnte sich nicht erinnern ihnen bei der Arbeit bereits begegnet zu sein. Sie stellten sich ihm als Matt und Karl vor. Beide waren ziemlich kräftig gebaut und trugen schwarze Kleidung ohne Aufschrift oder Firmenlogos. Dies war jedoch nicht verwunderlich schliesslich war die gleich folgende Aktion keineswegs legal. Matt hatte zudem noch eine schwarze Sporttasche geschultert deren Inhalt sich nicht erraten liess. Roderick vermutete darin Brecheisen und andere Utensilien die Einbrecher in Filmen immer dabei hatten, aber was wusste er schon übers Einbrechen.
Matt riss ihn aus seinen Gedanken: „Professor, sind sie bereit es durchzuziehen? Wir sollten keine Zeit verlieren. Wer weiss wann ihr Kollege nachhause kommt.“
„Äh, ja klar. Wie werden wir vorgehen?“
„Lassen Sie das ruhig unsere Sorge sein. Folgen sie uns einfach und befolgen Sie unsere Anweisungen. Ihre Aufgabe ist primär die Identifizierung und Überprüfung der Forschungsaufzeichnungen ihres werten Kollegen.“
„Jetzt aber vorwärts! Ihr plaudert zu viel, ich habe keine Lust Wurzeln zu schlagen.“, mischte sich Karl ein.
Also setzten sie sich in Bewegung. Das Haus hatte drei Stockwerke, wirkte aber trotzdem nicht sonderlich gross. Doch der alte Baustil des Gebäudes und der, im Verhältnis, beinahe protzig wirkende Garten, erinnerten an das Anwesen eines Adligen. Samuel hatte einmal erwähnt, die Liegenschaft sei schon seit vielen Generationen Besitztum seines Geschlechts. Die Inneneinrichtung des Hauses, die Roderick bei früheren Besuchen bestaunt hatte unterstrich diese Aussage noch. Damals waren ihm überall im Haus wertvolle Antiquitäten aufgefallen.
Sie kamen auf der Rückseite des Gebäudes zum Stillstand. Im Garten, den sie gerade eben durchschritten hatten, lag zum Glück noch kein Schnee auf der Wiese und so würden sie keine offensichtlichen Spuren hinterlassen. Bis auf das oberste, brannte in allen Stockwerken Licht. Samuels Tochter und ihr Kindermädchen waren wohl noch auf. Karl nahm einen Akkubohrer aus der Sporttasche hervor und begann ein Fenster damit zu bearbeiten. Innert kürze war es, beinahe ohne Lärm zu verursachen, geöffnet.
„Karl wird als erster reingehen und die Lage mal abchecken. Wir beide warten währenddessen draussen. Wenn die Luft rein ist steigen wir auch ein und beginne zu aller erst im Arbeitszimmer mit unserer Suche.“, erklärte Matt.
Fünf Minuten später, die Roderick etwas übertrieben, für das Auskundschaften eines Hauses, erschienen, winkte sie Karl zu sich herein.
„Sollten keine Schwierigkeiten kriegen. Das Kindermädchen sieht im ersten Stock fern und die Kleine ist neben ihr auf dem Sofa eingeschlafen.“
Also schlichen sie mit grösster Vorsicht ins dritte Stockwerk, zielsicher ins Arbeitszimmer, denn schliesslich war Roderick nicht zum ersten Mal hier. Beim betreten des Raumes, betätigte Karl den Lichtschalter. Roderick fuhr herum und sah ihn verständnislos an.
„Was soll das! Am Ende bemerkt uns doch noch jemand.“
Darauf entgegnet Karl nur: „Willste etwa im Dunkel suchen?
„Nein aber ihr habt doch bestimmt Taschenlampen dabei, oder etwa nicht?“
„Taschenlampen würden von der Strasse aus gesehen sehr verdächtig wirken. Is viel unauffälliger wenn wa einfach das Licht anmachen, noch dazu viel angenehmer zum suchen.“
Diese Argumentation leuchtete ein, also begann das ungleiche Dreierteam mit dem Durchstöbern der Unterlagen. Roderick nahm sich den massiven Schreibtisch, der in der Mitte des Raumes auf einem ovalen Teppich stand, vor. Matt suchte in einem Bücherregal, das sich über die Länge einer ganzen Zimmerwand erstreckte. Und Karl nahm die die restliche Zimmereinrichtung unter die Lupe, oder besser gesagt auseinander. Nach dem er die Gemälde die an der Wand hingen abgehängt und untersucht hatte, schlitzte er das Sitzpolster des Schreibtischsessels auf und überprüfte sogar die Stuhlbeine auf Hohlräume, indem er sie kurzerhand zerbrach.
Nach einer Weile wurde aber Matt fündig und hielt Roderick ein dickes Dossier mit der Aufschrift „Projekt Jungbrunnen“ hin. Gierig griff er danach und begann die Seiten zu überfliegen. Sein gelehrtes Auge bestätigte ihm sofort, dass er in den Händen hielt wonach sie gesucht hatten. Zu hundert Prozent sicher konnte er sich natürlich nicht sein, dies war einer seiner Grundsätze als Mann der Wissenschaft, zumal ihm nur sehr wenig Zeit zum studieren der Aufzeichnungen zur Verfügung stand. Auf die letzte Seite des Dossiers folgte eine CD in einer Klarsichtfolie. Nun zweifelte Roderick kaum mehr. Auf diesem Datenträger mussten sich Samuels Forschungsergebnisse befinden. Ein leichter Schauer des Entzückens durchlief seinen Körper. Er hielt den Schlüssel zu einem, um ein vielfaches, verlängerten Leben in den Händen. Vielleicht sogar… Er wagte es sich kaum vorzustellen. Vielleicht sogar den Schlüssel zur wahrhaftigen Unsterblichkeit!
Jäh wurde er in seiner Begeisterung gestört.
„ Herr Wagner, ich habe gar nicht bemerkt, dass sie bereits zurück sind. Sie sind heute aber früh zu…“
Als sich Roderick in Richtung Tür umdrehte, blickte er in das, vor Schreck erstarrte, Gesicht, des von Samuel angestellten Kindermädchens. Sie hielt Samuels sieben Jahre alte Tochter an der Hand. Eher neugierig als verängstigt, spähte diese in das Arbeitszimmer.
Plötzlich geschah alles unglaublich schnell. Bevor Roderick auch nur den Mund öffnen konnte, schlug Karl, der am nächsten bei der Tür stand, das Kindermädchen nieder. Matt stürzte sofort auf die kreischende Kleine Samuels zu und erstickte ihren Schrei, indem er ihr den Mund zu hielt. Jetzt erst kam Roderick ein, „ Wartet!“, über die Lippen.
Es war zu spät, der Schaden bereits angerichtet. Entsetzt starrte er auf das am Boden liegende Kindermädchen, um dessen Kopf sich eine Blutlache bildete. Feine rote Rinnsale breiteten sich durch die Rillen im Parkettboden aus.
„Wa…was sollen wir den jetzt tun?“, stammelte Roderick.
„Jetzt werden wir improvisieren.“, meinte Matt ungerührt.
„Improvisieren?! Was soll das den heissen?“
„Die Supernani hier, ist hinüber. Hab wohl mit meinem Schlagstock ein bisschen feste draufgehauen. Die müssen wir verschwinden lassen, denke ich.“, antwortete Karl mit einem Schulterzucken.
Erst jetzt realisierte Roderick, dass ihre Augen und Mund noch immer starr geöffnet waren. Das war zu viel. Er musste sich abwenden um nicht total die Beherrschung zu verlieren.
„Und die Kleine? Was geschieht mit ihr?“
Samuels Tochter wehrte sich inzwischen nicht mehr, sondern blickte nur apathisch auf die junge Frau zu ihren Füssen.
„Erst einmal nehmen wir das Mädchen mit. Sie hat zu viel gesehen und wer weiss vielleicht können wir später ein Druckmittel gut gebrauchen.“, meldete sich Matt wieder zu Wort, „Und was das Kindermädchen anbelangt, die lassen wir hier liegen. Ich hab da ne Idee.“, er schmunzelte dreckig. „ Karl haste mir mal dein Messer?“
Karl reichte ihm sein Eigentum mit einem fragenden Blick.
„In den letzten Wochen mal Zeitung gelesen? Da treibt seit einiger Zeit so ein idiotischer Psychopath sein Unwesen. Seine Opfer markiert er alle mit einem „Z“ auf der Stirn und er malt für gewöhnlich nicht mit Kugelschreiber.“
Matt liess demonstrativ die Klinge von Karls Springmesser hervorschnellen und machte sich an sein grausiges Werk.
„Was‘n das für ein Hirni? Is wohl auch nicht der kreativste Killer. Wer soll das denn sein, der verrückte Zorro oder was?“, wollte Karl wissen, während er Samuels Tochter einen Lappen ins Gesicht presste, worauf diese in sich zusammensackte und nun ebenfalls auf dem Fussboden lag.
„Ach ja Professor, Sie werden auch hier bleiben.“, stumm nickte Matt seinem Kumpanen zu, worauf dieser von hinten an Roderick heran trat und ihn eisern an den Oberarmen festhielt. Bevor Roderick wusste wie ihm geschah, hatte Matt seine Stirn ebenfalls mit dem Messer bearbeitet. Er war viel zu erstaunt um zu schreien.
„Sie werden sich als Opfer ausgeben, um sicher zu gehen, dass Professor Wagner nicht unseren Arbeitgeber verdächtigt. Schliesslich kann die Firma, bis die Forschungsarbeit definitiv abgeschlossen ist, nicht auf eine solch wertvolle Arbeitskraft wie Wagner verzichten.“
Jetzt erst konnte Roderick seinen Schock abschütteln und ihn packte die Wut.
„Und wie soll ich Sam und der Polizei meine Anwesenheit in seinem Haus erklären, sie degenerierter Gorilla ohne Verstand!“
„Beruhigen Sie sich Professor.“, meinte Matt gelassen, „Wagner glaubt doch Sie hätten sich heute verabredet. Das die Frauenwelt nicht besonders euphorisch auf Sie reagiert, war schon bevor Sie dieses Souvenir erhalten haben glaubhaft genug.“, er deutete auf Rodericks Stirn.
„Genau! Das Sie abserviert wurden, war wohl der Grund, warum sie sich beim Prof zuhause ausheulen wollten.“, warf Karl ein.
„Erstens, ich würde mich bestimmt nicht bei meinem Kollegen zuhause ausheulen wollen und zweitens, würde Sam trotz dem ganzen Theater irgendwann, das Fehlen seiner Aufzeichnungen bemerken. Ihr Vorgehen ist doch einfach selten dämlich. Bei sowas mache bestimmt nicht mit!“
Während Matt einen Laptop und einen kleinen Scanner aus der schwarzen Sporttasche kramte, wiedersprach er, „Doch Professor das werden Sie! Schliesslich habe Sie meinen kleinen chirurgischen Eingriff bereits über sich ergehen lassen müssen. Wie wollen Sie denn sonst ihre Wunde auf der Stirn erklären? Und wie Sie sehen braucht es nicht viel Equipment um brauchbare Kopien herzustellen, mit denen Sie später arbeiten können.“
Roderick senkte den Kopf und ergab sich seinem Schicksal.
„Karl mach in den anderen Zimmer auch noch ein bisschen Unordnung und klau ein paar Wertsachen! Sonst schnallt Wagner doch noch, dass es bei unserem Besuch um seine Arbeit ging.“
Karl tat wie ihm geheissen und trottete davon, dann wandte sich Matt nochmals Roderick zu und sagte: „ Ach, und Professor, wir wollen doch nicht, dass sie dem verrückte Zorro ein zweites Mal begegnen, das könnte tödlich enden. Haben sie verstanden?“
Roderick entgegnete nichts. Fünfzehn Minuten später waren die zwei Kerle, samt Samuels Tochter, abgezogen. Weitere fünfzehn Minuten später trafen Polizei und Samuel selbst am Tatort ein und Roderick spielte seine Rolle.
„Für die Katz! Scheisse! Für nichts und wieder nichts, verdammt nochmal!“ Roderick sass hinter seinem Schreibtisch, bei sich zuhause und warf mit allerlei Büroutensilien um sich. Die Forschungsaufzeichnungen hatten sich als geschickte Fälschung entpuppt, mit der sie ausgetrickst worden sind. Selbst er hatte das, in der knappen Zeit, die er während des Einbruchs hatte, nicht bemerkt. Er hätte Samuel gerne als paranoid beschimpft, doch gerade er wusste wie berechtigt seine Vorsicht war. Nach der Story, die Roderick der Polizei und Samuel aufgetischt hatte, schien ihn niemand zu verdächtigen. Samuel war viel zu verzweifelt über das Verschwinden seiner Tochter und hörte Roderick an jenem Abend vor einer Woche kaum zu. Nun hatte Roderick vor zwei Tagen das letzte Mal von seinem Arbeitskollegen gehört, der bisher noch nicht zur Arbeit erschienen ist. Also versuchte er ihn auf seinem Mobiltelefon zu erreichen. Es ging niemand ran. Am nächsten Tag, wurde ihm in der Firma mitgeteilt, dass Samuel spurlos verschwunden war. Roderick solle seinem normalen Tagesgeschäft nachgehen und sich für weitere Befehle bereit halten. Jetzt war es also soweit. Arbeitsaufträge nannte man nun Befehle. Hoffentlich würde sich der ganze Schlamassel, in den er da geraten ist, lohnen. Der Begriff Unsterblichkeit kreiste noch immer in Rodericks Gedanken und so tat er wie ihm befohlen.
Montag, 21. April 2014
Narben der Zeit
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