Dienstag, 25. März 2014

Zweiter Zug

Nun wurde es mit jedem Zug, den er mit seinen Rudern tat, merklich dunkler. Doch der  Mond schien hell, sodass er trotzdem mühelos die Umrisse seines Walddomiziles erkennen konnte. Sogar die Baumreihen um den kleinen See herum vermochte er zu erspähen. Nach dieser natürlichen Grenze aber, war nur noch undurchdringbare Finsternis auszumachen. Bisher hatte er sich auf dieser Lichtung, die einen fast perfekten Kreis bildete, immer sicher und geborgen gefühlt. Jetzt aber fühlte er sich in seiner kleinen Nussschale mitten auf dem See, ohne jegliche Deckung, ziemlich ausgeliefert. Es gelang ihm nicht mehr länger seine Unruhe zu unterdrücken. Immer wieder liess er seinen Blick nervös über die überschaubare Insel und die schwarze Wand, die ihn umgab, schweifen.
Da! Aus dem Schatten den seine kleine Hütte warf, lösten sich zwei Gestalten und schlichen, an seinem selbst gepflanzten Apfelbaum vorbei, Richtung Ufer auf der Westseite der Insel. Mit einem Mal wurde es zu dunkel um die zwei Fremden mit blossem Auge noch zu erkennen. Eine Wolke hatte sich klammheimlich vor den Mond geschoben und der Nacht ihren schwarzen Mantel übergeworfen, nur um ihn ihr wenige Augenblicke später wieder verführerisch abzustreifen, damit sie mit ihrer Schönheit prahlen konnte.
Doch dafür hatte er jetzt keine Augen. Angestrengt versuchte er die Silhouetten der zwei ungebetenen Besucher auszumachen. Sie waren verschwunden. Als hätten sie sich in Fledermäuse verwandelt und zu ihren Artgenossen gesellt, die Jagd auf die Mücken über der Seeoberfläche machten.

Länger zu warten hielt er nicht mehr aus, doch vielleicht lauerten die zwei Fremden noch irgendwo auf ihn. Langsam liess er sich ins Wasser gleiten. Dass sein Boot, samt heute Abend erlegtem Reh, führerlos davon trieb kümmerte ihn nicht. Es würde praktischerweise sogar von ihm ablenken, während er mit ruhigen, kräftigen Zügen bis ins Schilf am Ufer schwamm. Von dort aus huschte er durchs hohe Gras hinüber zu seinem Häuschen. Es war eine warme Sommernacht und so fror er ihn seinen durchnässten Kleidern nicht einmal. Vielleicht war er auch einfach zu aufgeregt um die Kälte zu spüren. An die grob bearbeitet Hauswand aus Holz gepresst überwand er die letzten Meter zur Türe. Diese fand er unbeschädigt und ungeöffnet vor, was ihn nicht wunderte, schliesslich hatte er sich nie die Mühe gemacht ein Schloss einzubauen. Wozu auch?
Nun, die Antwort auf diese Frage kannte er jetzt, denn als er sein Heim betrat, bestand keinerlei Zweifel mehr das jemand eingedrungen war. Seine ehemals so gemütlich eingerichtete Stube ist dem Chaos gewichen. Alles wurde auf den Kopf gestellt und durchsucht wie es schien. Im Kamin erkannte er ein paar seiner noch schwellenden Notizbücher, die meisten schienen jedoch vollständig von den Flammen verzehrt worden zu sein. Vor nichts hatten die Eindringlinge halt gemacht, sogar seinen selbst gezimmerten Schaukelstuhl hatten sie zerlegt. Wie damals…
Plötzlich wurde er von Panik gepackt. Hals über Kopf stürmte er in ihr kleines Zimmerchen. Es war unberührt geblieben, doch sie war nicht mehr da! Weg! Fort! Verloren! Die Vergangenheit holte ihn  ein und überrollte ihn gnadenlos. Entsetzt und verzweifelt liess er sich in ihr Bettchen fallen und schluchzte zusammengekrümmt bis er nicht mehr konnte. Irgendwann schlief er ein. Im Traum reiste er zu einem weit entfernten Zuhause aus längst vergangenen Tagen. Dort stand er im Türrahmen eines Zimmers, das seinem jetzigen Schlafplatz zum verwechseln ähnlich sah, und beobachtete bezaubert wie sie ruhig und wie die Unschuld selbst schlief.

Am nächsten Morgen erwachte er als die Sonne bereits aufgegangen war. Bevor er die Augen öffnete wusste er wo er sich befand, was in der Nacht geschehen war und dass sie nicht mehr bei ihm war… Schon lange Zeit nicht mehr bei ihm war… viel zu lange…
Mit einer Ohrfeige holte er sich endgültig in die Gegenwart zurück. Nun stellte sich ihm nur eine Frage. Hatten sie diesmal gefunden wonach sie gesucht hatten?

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